Für unsere ganz Eiligen: Früher war Bürgerbeteiligung dafür da, der Minderheit eine Stimme zu geben. Heute ist sie dafür da, die Mehrheit überhaupt einmal wahrzunehmen.
Nun mit etwas mehr Muße: Bürgerbeteiligung entstand in der Form, wie sie heute oft verstanden wird, in den 1970er Jahren. Sie war als Beteiligung von Minderheiten gedacht. Vor allem im Umweltrecht wurde sie stark ausgeformt. Die Welt hat sich jedoch stark geändert, seit es das Internet gibt. Wir erleben überall, dass laute Minderheiten die öffentliche Diskurse prägen. Die lauten Minderheiten dominieren Facebook, Telegram und Co. Das schwappt in die etablierten Medien hinüber. Das wird auch als „false balance“ bezeichnet. Wir lesen dann zum Beispiel in Lokalzeitungen die vertrauten „David-gegen-Goliath“-Geschichten. Gemeindeverwaltung und Gemeinderat planen über viele Jahre beharrlich, ohne dass darüber berichtet würde. Trotz öffentlicher Sitzungen explodiert dann der Protest, gestützt durch Interviews. Dort lesen wir von Bürgerinnen oder Bürgern, die sich jahrelang nicht für Politik interessierten, aber jetzt den angeblich korrupten Bürgermeister oder den unwissenden Gemeinderat bekämpfen wollen.
Die stille Mitte wird in diesen medialen Darstellungen nicht erwähnt. Wie auch? Sie hat keine wahrnehmbare Stimme! Das ändert sich weltweit mit Hilfe sogenannter Bürgerräte, die wir in Baden-Württemberg Bürgerforen nennen. Solche Bürgerforen lassen auch solche Menschen zu Wort kommen, die oft nicht laut sprechen: Menschen ohne Abitur, junge Familien, Menschen mit Migrationsgeschichte. Das gelingt über die Zufallsauswahl. Einen sehr guten Eindruck über den Stand der Wissenschaft gibt es hier: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/diskurskultur-2023/541846/deliberative-demokratie-nach-der-digitalen-transformation/. Der konkrete Nutzen für die repräsentative Demokratie ist offenkundig. Die „öffentliche Vernunft“ bekommt eine laute Stimme.